Theamaju - Erwachsen werden ... und anderer Zirkus!

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Leseprobe 2

Das Buch

Lollo Rosso überfiel Isa, als sie sich gerade hingehockt hatte, um sich zu erleichtern.
Schon vor einer halben Stunde hatte sie mit dem Handy die Mutter vorne im Auto angerufen, um ihr Bedürfnis zu äußern und ob man bitte mal anhalten könnte!
Sie versuchte, mit ihrem nackten Po möglichst nicht die Brennnesseln zu berühren.
Ein schwieriges Unterfangen, wenn man vom Parkplatz aus nicht gesehen werden wollte.
Das wäre Isa super peinlich gewesen. Das Pinkeln in einer öffentlichen Toilette, wo links und rechts andere Leute saßen, nur durch eine dünne Plastikwand von ihr getrennt, fiel ihr schon schwer.
Aber so in freier Natur, das ging ganz schlecht.
Als sie ihre Scham langsam überwunden hatte und ihre Hände nach vorne stützte, hörte sie ein Rascheln hinter sich. Zeitgleich spürte sie, dass jemand seinen Arm von hinten unter ihr Kinn schob und sie nach hinten zog. Ziemlich kräftig.
„Aua! Sag mal geht`s noch?", entfuhr es ihr in der Gewissheit der kleine Alex wollte seine große Schwester mal wieder in die Knie zwingen. „Du Vollidiot! Jetzt bin ich mit dem Hintern genau in den Brennnesseln gelandet! Weißt du, wie weh das tut?!".
„Nein, das weiß ich nicht! Und ich wills auch gar nicht wissen. Du kommst jetzt mit!"
Das war eindeutig nicht die Stimme ihres 4-jährigen Bruders. Das wusste Isa ziemlich genau.
Aber wer um Himmels Willen sollte sie beim Pinkeln umwerfen und sie zum Mitgehen zwingen?
Isa bekam für einen kurzen Moment Angst.

*****



Lollo Rosso lungerte schon längere Zeit an dem Parkplatz an der Autobahn herum.
Er war aus dem Erziehungsheim abgehauen, weil er es dort nicht mehr aushalten konnte.
Sechs lange Jahre hatte man ihn dort malträtiert.
Nicht nur, dass er von den anderen Jungen verlacht und gequält wurde, auch die angeblich ihm wohlgesonnenen Erzieher ließen ihre schlechte Laune stets an ihm aus.
Schläge ins Gesicht und Tritte gegen die Oberschenkel und den Bauch gehörten beinahe zur Tagesordnung.
Anfangs hatte sich Lollo Rosso noch gewehrt, zurück getreten und geschlagen, aber da er jedes Mal den Kürzeren zog, weil er allein war und die anderen mindestens zu dritt, gab er es auf. Auf Hilfe von Seiten der Erwachsenen brauchte er nicht zu hoffen und so ergab er sich seinem Schicksal.
Von seiner Mutter hatte er im letzten Jahr gar nichts mehr gehört. Sie besuchte ihn nie und die anfangs noch stattfindenen Besuche zu Hause waren so trostlos verlaufen und hatten ständig im Streit geendet, dass er am Wochenende lieber auf der Straße rumgammelte.
Manchmal hatte er Glück und fand einen netten Autofahrer, der ihn als Anhalter mitnahm in die weitläufige Umgebung Neapels.
Dann genoss er die Ruhe und die Natur und machte schließlich eine erstaunliche Entdeckung.

Zu seinem Elend im Heim kam noch eine existenzielle Angst vor Angelo, der Anführereiner Bande, die die Hackordnung im Heim bestimmte.
Lollo Rosso hatte ihm Geld gestohlen und mit Angelo war nicht zu spaßen, auch wenn sein Name anderes vermuten ließ.
Wenn er heraus finden würde, dass Mario ihn um über eintausend Euro erleichtert hatte, wäre er tot.
Und das war kein bisschen übertrieben, das wusste Mario nur zu gut.
Es fiel ihm nichts ein, wie er hätte zu Geld kommen können. So lief er erst einmal weg, um Zeit zu gewinnen.
Er lungerte im Gebüsch am Autobahnparkplatz.
Es war schon gegen späten Nachmittag und nicht viel los.
Ein LKW mit spanischem Kennzeichen stand ganz hinten und hatte die Gardinen des Führerhäuschens zugezogen. Also schlief der Fahrer wahrscheinlich.
Ansonsten tat sich nichts.
Mario wusste selbst nicht so genau, auf was er da eigentlich wartete.
Er war jetzt 12 Stunden vom Heim weg, aber da es Sonntag war und die Betreuung nur auf Sparflamme lief, würden sie frühestens am nächsten Morgen bemerken, dass er verschwunden war, nämlich wenn er nicht zur Abmeldung für die Schule auftauchen würde.
Plötzlich fuhr ein großer, schwarzer Geländewagen mit einem Wohnwagen hinten dran auf den Platz.
Ein junges Mädchen stieg aus, vielleicht so alt wie er selbst und humpelte in seine Richtung.
In Lollo Rossos Kopf rasten die Gedanken durcheinander: Großes Auto, großer Wohnwagen, deutsches Kennzeichen, viel Geld!

Er hatte ein kleines Taschenmesser bei sich, das er mal beim Durchstöbern mehrerer Mülltonnen gefunden hatte.
Es war zwar sehr verdeckt und rostig gewesen, aber voll funktionsfähig. Er hatte es sauber gemacht und trug es seitdem immer in seiner Hosentasche.
Nachdem er Isa umgeworfen hatte, drehte er ihr einen Arm auf den Rücken, so dass sie nicht weg konnte.
„Wenn du anfängst zu schreien, bring ich dich um!", hörte er sich selber sagen und war total erschreckt über seine eigenen Worte. Das hatte er aus dem Fernsehen und fand es in dieser Situation irgendwie angebracht.

Isa stand wie angewurzelt da.
Der Typ in ihrem Rücken war ihr nicht geheuer, aber seine Stimme war nicht wirklich bedrohlich. Im Gegenteil, er hörte sich an wie einer, der genauso alt war wie sie und sich einen kleinen Scherz machen wollte.
„Kann ich mir wenigstens mal die Hose hochziehen? Ich stehe nicht gerne mit nacktem Hinterteil in der Gegend herum!" fragte sie betont cool, um den Typen zu beeindrucken.
Aber ein gewisses Zittern in der Stimme war nicht zu überhören.
„Gut.", antwortete Lollo Rosso.
„Aber keine Dummheiten! Ich habe ein Messer!", dabei ließ er die Klinge des kleinen Messers aufschnappen.
Ohne das Isa das Teil gesehen hätte, kannte sie das Geräusch und wusste, dass es ein Taschenmesser war.
Kaum dass sie sich die Hose hochgezogen hatte, klingelte ihr Handy.
Sie drehte sich zu Lollo Rosso um und war völlig erstaunt.
Ein blasser, schmaler Junge, höchstens sechzehn bis siebzehn Jahre alt mit einem roten, lockigen Haarschopf blickte sie an.
Der Versuch, bedrohlich zu gucken misslang ihm eindeutig. Eher hatte er selbst ein bisschen Angst im Blick.
Sie fragte ihn mit den Augen, was sie tun sollte, denn er stand immer noch mit gezücktem Messer vor ihr.
„Geh ran! Mach schon!" beantwortete er ihre Frage.
Sie nahm das Gespräch an und sofort hörte sie ihre Mutter fragen: „Isa Schatz. Bist du
fertig und wieder im Wohnanhänger? Die Kleinen sind eingeschlafen und wir wollen gerne weiter, bevor sie aufwachen und anfangen zu quengeln."
„Ja, ja Mama. Ja, klar, ja alles in Ordnung, ihr könnt fahren.", stammelte Isa, weil der
Junge mit dem gezückten Messer in Richtung ihres Halses auf sie zukam.
Fast im selben Moment hörte sie, wie der Diesel gestartet wurde. Sie blickte sich um und sah durch die Bäume hindurch nur noch die Rückansicht des Wohnwagens wie er den Parkplatz verließ.
Hätte sie einen besseren Kontakt zu ihrer Mutter gehabt, wäre diese vielleicht doch
ausgestiegen und hätte sich tatsächlich vergewissert, ob Isa im Anhänger war.
Aber da ihr Verhältnis auf dieser Fahrt noch an Spannung zugelegt hatte, ließ ihre Mutter sie weitestgehend in Ruhe, um lästige Auseinandersetzungen zu vermeiden.
Isa war ja nun auch immerhin schon fünfzehn und man musste sie nicht mehr so bemuttern, wie die kleinen Geschwister.
Den Wink hatte die Mutter mittlerweile verstanden.
So blieb Isa zurück mit einem durchgedrehten, pickeligen Jungen, der sie mit einem alten Taschenmesser bedrohte und von dem sie nichts wusste, nicht mal einen Namen.
„Was soll das hier werden, Mister Rotlocke?", fragte sie ihn.
„Schnauze halten!", antwortete er und fuchtelte mit der Klinge des Taschenmessers vor ihrer Nase herum.
Die Klinge war allerhöchstens dreieinhalb Zentimeter lang und machte Isa keine Angst.
Zumal der Junge ihr gegenüber eher unsicher, als kriminell wirkte.
`Wenn sie in ca. 4 Stunden die nächste Rast machten, waren sie mindestens 300 Kilometer von diesem Parkplatz entfernt. Vielleicht mussten sie aber auch schon früher anhalten, weil Alex oder Sunni oder Joy auch nochmal zur Toilette mussten. Vielleicht schliefen die Süßen jetzt aber auch erst mal ein paar Stunden und ihre Eltern würden die Gelegenheit nutzen, einfach durchzufahren.`, ging es Isa durch den Kopf.
Wie sie es auch drehte und wendete, es gab im Moment keinen Grund, warum ihre Eltern sie vermissen sollten.
Was im Umkehrschluss bedeutete, dass sie hier mitten in der Pampa stand und das Beste draus machen musste!
Ihr Handy! Ja klar, das Handy! Damit könnte sie in einem unbeobachteten Moment einfach ihre Mutter anrufen und Bescheid geben.Wenn es einen unbeobachteten Moment geben sollte, dachte sie.
Danach sah es jetzt gerade nicht aus.
Der Junge stand da und stierte sie geistesabwesend an, als käme sie von einer anderen Welt. Oder er vielleicht?
Ein Alien? Gerade vom Himmel gefallen und nun bemüht, die menschliche Rasse zu erforschen?! Genau. Und wie Aliens so sind, besitzen sie nicht die charmanteste Art der Kontaktaufnahme.
Sie würde ihm die Zusammenhänge der Welt, die er gerade betreten hatte in zwei Sätzen erklären und er würde sie dankbar ziehen lassen und zurückkehren in sein unbemanntes Raumschiff.
Isa musste bei ihren abstrusen Gedanken schmunzeln.
„Was lachst du so?", fragte er sie schroff, offensichtlich doch nicht geistesabwesend.
„Bist du vielleicht ein Außerirdischer, der von seinem Stern geplumpst ist und nun nicht weiß, wie er zurück kommen soll?", stellte sie eine Gegenfrage.



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